:: http://www.swissfilms.ch ::
Filmkritik in www.tink.ch, 28.01.2007
Gestern, morgen und irgendwo dazwischen
Von Melanie Pfändler
Am Abschlussabend der Filmtage durchzog ein Hauch Nostalgie das Programm des Landhauses. Bereits der zweiminütige Animationsfilm "Chargé pour Soleure" bestach durch seine Machart. Die folgenden Filme rückten Geschichten ins Rampenlicht, die das Publikum auf Anhieb zu begeistern vermochten.
Villi Hermanns "Greina" befasst sich mit dem Leben eines Alpenkäsers und ist eine Hommage an seinen verstorbenen Arbeitspartner. Hermann komponierte die halbstündige Dokumentation praktisch nur aus Bildern, die vor dessen Tod einem gemeinsamen Projekt im Rahmen der Expo 02 entstanden waren. Entstanden ist ein Werk, das die rohe Schönheit der Bündner und Tessiner Berge klar und einfühlsam wiedergibt. Seine Realitätstreue hebt die Eigenarten ihrer Bewohner besonders hervor: Sogar in der italienischen Originalfassung werden Untertitel eingeblendet, da der Dialekt der Porträtierten für Aussenstehende nur schwer verständlich ist. "Greina" widerspiegelt jene Hindernisse, die den Bergbauern Tag für Tag in den Weg gelegt werden. Denn auch auf jener Hochebene, wo die Zeit still zu stehen scheint, hält der Fortschritt erbarmungslos Einzug. Hermann versteht es, Kritik an den heutigen Lebensformen zu üben, ohne zu werten oder in Pathos abzudriften. Er gewährt Einblick in eine Welt, die, nah und fern zugleich, ihrer Zeitlosigkeit beraubt wird. Dies macht "Greina" nicht nur zu einem ästhetisch sondern auch gesellschaftlich wertvollen Film, der unweigerlich zum Nachdenken anregt.
Süddeutsche Zeitung, Nr. 249,
Wochenende Reportage
Samstag/Sonntag, 28./29. Oktober 2006
Kein Platz für Gipfelstürmer.
Von wegen heile Alpenwelt – beim 4. Internationalen Bergfilm-Festival in Tegernsee wäre Luis Trenker allenfalls als alpiner Exot bestaunt worden.
Von Rainer Stephan
(…) Eine scheinbare Parallele dazu liefert Villi Hermanns Film „Greina“: So heisst die Hochebene zwischen den Schweizer Kantonen Graubünden und Tessin, auf die der Alpkäser Giovanni Boggini in jedem Sommer mit seinen Kühen zieht. Oder, genauer gesagt: auf die er zog. Denn, das macht die dramaturgische Pointe dieser Dokumentation aus: Das hier gezeigte Stück Bergwelt ist nicht nur im Prinzip anachronistisch, sonder ganz real dem Untergang geweiht. Die Agrar-Richtlinien der Eu sind mit dieser Art von Käseerzeugung, und also mit dieser Art von Leben nicht kompatibel. Da nützt es den Schweizern gar nichts, dass sie der Eu nicht beitreten mögen – ihren Käse müssen sie dort doch verkaufen. Und deswegen ist dies Giovannis letztes Jahr auf der alten Alp. Danach wir Schluss sein mit hygienisch unvertretbaren Praktiken wie Holzfeuern im offenen Kamin oder, das Brüsseler Grauen schlechthin, mit der gemeinsamen Haltung von hochwertigen Schweizerkäsekühen und ordinären Schweinen.
Auch Villi Hermanns Film bleibt alldem gegenüber ruhig in erzählerischer Distanz – das wütende Aufschreien überlässt er dem Zuschauer. (Der allerdings frei nach Rilke, da nur fragen kann: Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn in Europas Ordnungen?)
„Greina“ erhielt den 1. Preis in der Kategorie “Dokumentation”.
Freistadt Festival 2007. 20. Der Neue Heimatfilm
Film
Greina
Während der kurzen Sommerzeit führt der Alphirt Giovanni Boggini aus
Aquila (Blenio Tal) seine Kühe auf die Alp. Wir befinden uns auf der Greina-
Alp, einer weiten Hochebene zwischen dem Tessin und dem Graubünden.
Der Käser wird ein letztes Mal seinen Käse und die Butter in einem mit Holz
beheizten Kessel auf traditionelle Weise herstellen können; ab nächstem
Jahr muss sich die Alp «modernisieren, um den europäischen Normen zu
entsprechen». Wer seinen Beruf mit Liebe und Hingabe ausübt, findet jedoch
immer einen Weg, um trotz Schwierigkeiten weiter zu machen.
Villi Hermanns „Greina“ befasst sich mit dem Leben eines Alpenkäsers und ist eine Hommage
an seinen verstorbenen Arbeitspartner. Hermann komponierte die halbstündige
Dokumentation praktisch nur aus Bildern, die vor dessen Tod einem gemeinsamen Projekt
im Rahmen der Expo 02 entstanden waren. Entstanden ist ein Werk, das die rohe Schönheit
der Bündner und Tessiner Berge klar und einfühlsam wiedergibt. Seine Realitätstreue
hebt die Eigenarten ihrer Bewohner besonders hervor: Sogar in der italienischen Originalfassung
werden Untertitel eingeblendet, da der Dialekt der Porträtierten für Aussenstehende
nur schwer verständlich ist. „Greina“ widerspiegelt jene Hindernisse, die den
Bergbauern Tag für Tag in den Weg gelegt werden. Denn auch auf jener Hochebene, wo
die Zeit still zu stehen scheint, hält der Fortschritt erbarmungslos Einzug. Hermann versteht
es, Kritik an den heutigen Lebensformen zu üben, ohne zu werten oder in Pathos
abzudriften.
Melanie Pfändler |